Es ist bald drei Jahre her als ich ein Telefonat bekam von der Familie. Sie wollen sich einen Hund anschaffen, stehen kurz vor dem Umzug und suchen nach einer geeigneten Hundeschule. Ich schätze diese Voraussicht.
Die Vorstellungen an den Hund waren schon da. Ein Schäferhund sollte es werden.
Ich frage gerne nach den Beweggründen für die gewünschte Rasse und wohin die Aktivitätsvorstellungen gehen. "Ein Familienhund solle es werden, die Kinder sollten auch mit dem Hund Gassi gehen können."
"Ein Schäferhund wird gross, benötigt eine gute Struktur und Auslastung. Deshalb ist es wichtig, rasch mit dem Welpen zu lernen was er im zukünftigen Familienleben benötigt. Manchmal ist ein kleinerer Hund, gerade für Kinder einfacher."
Ich hatte in diesem ersten Gespräch, sehr bald das Gefühl dass der Plan steht und es der Schäfer wird.
Was danach kam, lies mein flaues Gefühl im Magen aufflammen.
"Der Welpe kommt im Sommer, dann ziehen wir um und gehen gemeinsam in die Ferien."
Ich habe noch die Punkte angesprochen: "Den Hund erst nach dem Umzug und den Ferien zu holen, da dies doch sehr intensiv für einen Hund wird..." Meine Argumente schienen nicht anzukommen...Sie würden sich wieder melden.
Tätsächlich bekam ich wieder einen Anruf. Der Hund war da, Sie sind jetzt Umgezogen und die Ferien waren super, sie waren sogar mit ihm im Europapark, hätte er super gemacht.
Für ein Hundetraining meldeten sie sich erst später wieder.
Tatsächlich habe ich den Hund zwischenzeitlich aus Distanz in der Stadt gesehen und wurde immer wieder auf ihn angesprochen: "Joëlle kannst du da nicht mal drüber schauen, dieser Hund ist völlig ausser sich und die Methoden....der Hund tut einem leid..."
Was ich sah, war ein Junghund der Gewicht und Kraft zugelegt hatte. Bei Begegnungen enorm gefrustet war und schnell ins Aggressionsverhalten kippte. Ihn zu halten, wurde zum Kraftakt und die Menschen reagierten heftig den Hund zu packen am Halsband mitzuschleifen, zu würgen und anzurempeln.
Ich vermute, die Kinder konnten mit diesem Hund nicht laufen gehen. Allgemein machte die Situation nicht den Eindruck als könnte Mensch oder Hund den Spaziergang geniessen.
Im ersten Training fiel mir das Halsband auf. Es war ein Seil dass sich bei Zug zusammenzieht. Dieses wurde um den Hals getragen, zu einer Acht gerdreht und über die Schnauze geschlauft, was wohl die Funktion eines Haltis* haben sollte.
Erste Empfehlung, auf Brustgeschirr umsteigen, doppelte Sicherung über Geschirr und Halsband oder Brustring.
Unser Traing startete an Reizarmeren Orten, wo der Hund die Möglichkeit hatte Reize aus Distanz anzuschauen und für ruhiges Verhalten belohnt werden soll.
Dazu muss ich sagen, der Hund zeigte sehr viel gutes Verhalten, hatte die Idee schnell verstanden und war mega kooporativ. Das würde sehr rasch eine gute Wendung nehmen. Dachte ich da noch.
*Trainingsinfo: Kopfhalfter sind ein Hilfsmittel, wenn das Kräfteverhältnis von Hund und Mensch ungleich verteilt ist. Diese MÜSSEN ZWINGEND, SORGFÄLTIG AUFTRAINIERT UND IMMER DOPPELT GEFÜHRT WERDEN. Das heisst die Leine wird mit einem Ende am Geschirr und mit dem anderen Ende am Halti eingehakt. Geführt wird der Hund IMMER am Geschirr NUR IN NOTSITUATIONEN WIRD ÜBER DAS HALTI SORGSAM KORRIGIERT UND DIES MUSS TRAINIERT WERDEN!!!
Im zweiten Training wollte ich an kontrollierte Reize herangehen, dazu wählte ich den Rehpark wo viel Platz zur Verfügung stand um die nötige Distanz immer einhalten zu können.
Das Traing startete super, der Hund machte toll mit, die Menschen konnten viel belohnen und er kam auch nicht in Versuchung auszulösen. Für mich ein gelungenes Training. Für den Halter wohl zu langweilig, zu wenig schnell....
Irgendwann begann der Halter immer wieder die Grenze zu überschreiten wo der Hund auslöste und wild in die Leine sprang, lauthals bellte und nicht mehr ansprechbar war. Reaktion Mensch: der Hund wurde gemassregelt. Man wollte dass der Hund jetzt, hier aushält!
Nach dem Training besprach ich die Situation mit den Haltern. Versuchte zu erklären dass der Hund gerade erst eine neue Strategie erlernt, diese sich erst festigen muss um dann in kleinen Schritten an Auslösern zu steigern. Ihn immer wieder in Situationen zu bringen, die er nicht bewältigen kann bringt nicht nur keinen Erfolg, er übt sich auch immer weiter in einem Verhalten dass wir nicht mehr möchten.
Ich hatte nicht wirklich dass Gefühl dass meine Worte ankamen. Aber sie teilten mir damit, dass sie im Hunde Club regelmässig verkehrten und dort werde das so durchgezogen und funktioniere auch.
In diesem Moment wurde das flaue Geüfhl zu einem dumpfen Schlag, denn ich wusste ich verlier diese Familie. Und hier geht es nicht darum Kunden zwingend zu behalten. Hier geht es darum Menschen nicht erreicht zu haben. Ich konnte ihnen nicht aufzeigen, dass Gewalt sie hier nicht weiter bringt. Dass ihr Hund mit Geduld und Blick auf seine Bedürfnisse, zu so vielem Guten bereit ist.
Ich habe die Möglichkeiten in diesem Hund gesehen, die Menschen haben darüber hinweg geschaut und ich hab sie verloren...
Wir hatten noch ein gemeinsames Training. Jedoch konnte ich da schon beobachte wie der Halter in alte Muster verfiel. Es war unser letztes Training.
Die Halterin hab ich noch einige Male gesehen und sie versuchte das gelernte auch umzusetzen, jedoch in der Stadt mit zu vielen Reizen. Ich sah den guten Willen aber auch den unpassenden Kontext, der schlussendlich zuwenig Erfolge für ein wachsendes Alternativverhalten brachte.
Der Halter hielt an alten Mustern fest.
Lange Zeit habe den Hund nicht mehr gesehen, bis heute Morgen.
Ich war mit meinen Hunden unterwegs zur Aare, wir hörten schon vor der Kreuzung über den Parkplatz einen Hund bellen und ich nahm meine Hunde zu mir.
Irgendwann sah ich einen jungen Mann mit einem Schäferhund, der Schäfer trug einen Maulkorb und war angeleint. Für mich das Signal, meine Hunde an der Leine zu mir zu nehmen.
Es waren zwei Meter Platz um an ihnen vorbei zu gehen, hinter dem Mann war noch viel Raum zum Ausweichen.
Als der Schäfer uns erblickte stieg seine Erregung, er fing an zu bellen und machte eine Bewegung nach vorne. Diese wurde vom Mann sofort unterbrochen und es folgte ein starkes Rucken am Halsband und einen Schlag vor die Brust um ihn in Sitzposition zu bringen. Ich blieb stehen, da ich sah, wenn ich vorbei gehe, würde der Schäfer bestimmt darauf reagieren. Ich zeigte dem Mann dass wir hier durch wollten und wartete kurz ab ob er evt noch mehr Distanz reinbringen möchte um den Schäfer nicht zu überfordern. Er nickte ab wir könnten durch.
Für mich und meine Hunde war die Situation handelbar, wenn ich jedoch sehe dass andere Hunde mehr Raum benötigen, gebe ich meinem Gegenüber gerne die Zeit dafür. Da dies nicht gewünscht war ging ich durch. Der Schäfer blieb lange still, der Mann auch...es folgte kein positives Feedback, kein Lob an den Schäfer der das gewünschte Verhalten so schön ausführte, was ihm nicht leicht fiel. Es überraschte mich deshalb nicht dass, kaum waren wir vorbei, die stark unterdrückte Vorwärtsbewegung mit Bellen doch noch kam. Natürlich wurde er sofort wieder gemassregelt.
Ich ging noch ein Stück weiter und sah eine Frau auf uns zukommen. Es war die Halterin von dem Schäfer, sie grüsste mich und ging zu den beiden und jetzt war mir klar dass es dieser Schäfer war der hinter uns sass mit diesem Junge Mann. Vermutlich war es der neue Trainer. Meine Neugier liess mich stehenbleiben und mir das Ganze genauer anzusehen.
Der Mann zeigte ihr nochmals genau wie die Erziehungsmasnahmen zu erfolgen hatten. Er rupfte das Hasband in die Höhe, es war eine recht dünne Schnurr die eng am Kehlkopf sass. Mit dem Knie drängte er den Hund rückwärts.
Ich stand da, beobachtete die Situation und überlegte: Wie wohl fühlt die Frau sich mit diesen Methoden? Ich hätte sie gerne gefragt? Ich hätte sie gerne gefragt, ob sie so auch mit ihren Kindern umgehen würde? Ich weiss, die Antwort lautet meistens Nein. WIESO dann mit dem Hund?!
Darauf gibt es zwei Antworten. Die eine ist schlichtweg; es ist nur ein Hund. Mit denen muss man härter sein, damit klar ist wer das Sagen hat.
Die andere Antwort, die Menschen wissen es nicht besser. In ihrer Verzweiflung nehmen sie jeden Ratschlag, vorallem von uns Hundetrainern an.
Ich verrat euch jetzt was: Wir wissen auch nicht alles. Und einige von uns haben Null Ahnung von Erziehung und schon gar nicht von Lerntheorie. Manchmal wissen wir es auch ganz genau und wissen deshalb dass man mit Angst sehr schnelle Lernerfolge erzielen kann. Aber zu welchem Preis? Wünsche ich mir einen Hund der einfach nur aus Angst funktioniert oder wünsche ich mir einen Begleiter, einen Freund, eine Partnerschaft die auf Vertrauen basiert?
Faires Training, ohne Gewalt, ohne Angst es funktioniert bei ALLEN Hunden und ALLEN Verhaltensproblemen!
Deshalb meine Bitte:
Hinterfragt uns Trainer!
Hinterfragt unsere Methoden!
Hinterfragt eure Beziehung zu euren Hunden.
Und dann, wählt überlegt. Für eure Hunde die sich das alles nicht ausgesucht haben.
Und mein Versprechen, ich werde immer bestrebt sein, mein Wissen und meine Fähigkeiten zu erweitern.
Zu lernen was ich anders/ besser hätte machen können, um dieser Familie zu helfen.
Kein Mensch&Hund Team ist für mich einfach nur zahlender Kunde. Euer Erfolg ist meine Verpflichtung. Eure Glück für eine starke, gesunde und zufriedene Beziehung mit euren Hunden ist meine Passion.
Diese Fälle die mich nicht mehr loslassen, sind mein Antrieb es noch besser zu machen.




Kommentar schreiben